Dovers World
  Sokrates
 
(Auf einem Marktplatz in Athen im Jahre 400 vor Christi Geburt. Sokrates steht vor einer Menge und hält eine Rede)
 
Sokrates:
„Diese werden glücklich gepriesen und doch haben sie nur einen kleinen Teil erreicht. Denn ihr Sieg ist nur halb so herrlich wie es scheint. Sie stürzen sich ins Verderben und sorgen für Verwirrung. Ich rede von den Lukomoiden, deren Sieg eben nicht förderlich ist für den Staat, der versuchen muß stets für den Lebensunterhalt der Bevölkerung als ganzes zu sorgen.“
 
Glaukon(erregt):
„Diese Lukomoiden sind mir aber deswegen weit aus sympathischer als diese Platon-Aristoteles-Pythagoras-Klicke weil sie es zugeben nur für sich zu handeln. Denn jeder Mensch denkt nur an sich, der Gedanke eines sozialen Staates ist doch nur eine irrwitzige Utopie, Sokrates !“
 
Ademeintos(euphorisch):
„Stimmt !“
 
Sokrates:
„Nicht ganz. Denn warum hat man diese Lukomoiden aus Griechenland verbannt ? Warum müssen sie jetzt versuchen in Italien bei den Etruskern eine neue Bleibe zu finden ? Die Lukomoiden sind von einer Krankheit befallen, die den gesellschaftlichen Tod bedeutet. Sie vermögen es noch nicht ein mal bei ihren Armeen für Gerechtigkeit zu sorgen.“
 
Ademeintos(traurig):
„Hmmm. Naja, also mich hat das auch ein wenig gestört, daß ich kaum Kriegsbeute beim Feldzug gegen die Perser mit nach Hause nehmen durfte.“
 
Glaukon:
„Aber auch das, lieber Ademeintos, finde ich dem eigentlichen Zwecke sehr förderlich. So kommt man gar nicht auf die Idee seine Kriegsbeute mit denen anderer zu vergleichen. Wo es keine Konkurrenz gibt, da gibt es auch kein Hader und Zwist ! Ein Hoch auf die Lukomoiden !“
 
Sokrates:
„Es wäre alles schön und gut, wenn diese sich selbst verherrlichenden ‚Anfüher‘ bei den Etruskern bleiben würden. Und hier und da vereinzelt solche Spinner wie Glaukon sie lobpreisen würden. Aber, liebes Auditorium : Sie werden wieder kommen und sich rächen !“
 
Glaukon(mit erhobenem Zeigefinger):
„Nenne nicht den Spinner, der ganz genau weiß, daß deine so gelobte Demokratie bei den Sterblichen nicht funktionieren könnte. Die Demokratie würde jeder Mensch ausnutzen seine machtgierigen Pläne durchzusetzen ! Es lebe die Diktatur ! Es lebe die Gleichschaltung ! Es leben die Lukomoiden !“
 
Sokrates:
„Und genau da sind wir auch beim eigentlichen : Die Diktatur, die Gleichschaltung ! Die Lukomoiden werden mit atemberaubender Unerbittlichkeit zurückkehren, mit visionären und erschreckenden Plänen. Ohh, ich sehe schon das Zukunftsbild Athens vor mir, mit dieser bis ins letzte Detail totalitären und durchorganisierten Tyrannei. Die absolute autoritäre Staatsmacht !“
 
Ademeintos(düster):
„Wie Pessimistisch und grimmig, deine Voraussagen.“
 
Glaukon(selbstbewußt):
„Du magst recht haben, Sokrates. Und ich denke auch diese Prophezeiung, die du anstellst, werden für uns Griechen notwendig sein. Der Ungehorsam, die Willkür und die schlechten Triebe des Menschen müssen im Keim erstickt werden. Und dies geht nur mit einer perfekten Staatsmaschinerie.“
 
Sokrates(zynisch):
„Als ein Dieb der Menschenrechte entpuppst du dich, Glaukon, wie es scheint. Und darin scheint Homer dein Lehrmeister gewesen zu sein. Denn er spricht dem mütterlichen Großvater des Odysseus, dem Autolykos, seinen Beifall aus mit den Worten, er habe sich vor allen Menschen ausgezeichnet in Dieberei.“
 
Glaukon:
„Wer etwas dem Menschen raubt, weil es schädlich für diesen ist, sollte man es wirklich wagen denjenigen als Dieb zu bezeichnen ?“
 
Sokrates:
„Dieser Dieb, denn er ist in der Tat einer, raubt der Demokratie sein Fundament, dieser Zustand des Staates mit nur einer Partei gleicht einem Kriegszustand. Es wird keine Diskussionen mehr geben, auch ich werde Redeverbot in diesem totalitären Staat bekommen. Und Griechenland wird wuchern und gedeihen mit den Schandtaten des Diktators, er wird sein Reich vergrößern und die gesamte Welt beherrschen und kontrollieren. Die Perser, Karthager, Tyrhenner und wie sie alle heißen werden von ihm unterjocht. Und er wird sein Super-Staat „Ozeanien“ nennen und jeden Menschen überwachen.“
 
Ademeintos(verunsichert):
„Dann wird er auch mich überwachen ? Meine Frau und mich beim Geschlechtsverkehr ?“
 
Glaukon:
„Selbstverständlich. Und es ist gut so. Solltest du nämlich unberechtigterweise in Besitz einer dir zu hübschen Frau sein und dich an ihr vergehen, dann wird der Diktator, auch „Der große Bruder“ genannt, sie dir für immer und ewig wegnehmen und einem anderen schenken.“
 
Sokrates:
„Ist das nicht alles erschreckend ? Der Weg ist glatt und ganz in der Nähe dir wohnt er, „der große Bruder“. Vor deiner Taten setzt er den Angstschweiß der unsterblichen Götter. Er wird viel Wörter aus unserem Vokabular streichen. Solch Wörter wie Phantasie, Kreativität oder Wissenschaft.“
 
Ademeintos(nonchalant):
„Soll mir recht sein. Die Wissenschaftsvorträge von Pythagoras habe ich sowieso nie verstanden. Vielleicht muß er dann auf der Rednerbühne sich was neues einfallen lassen. Zum Beispiel „Slapstick“ auf der Bühne oder ähnliches.“
 
Glaukon(selbstbewußt):
„Die empirische Denkweise, auf der alle wissenschaftlichen Errungenschaften der Vergangenheit fußten, widerspricht den fundamentalsten Prinzipien eines Staates im Sinne der gerechten Lukomoiden. Ein Fortschritt darf nur erzielt werden, wenn sein Erzeugnis in irgendeiner Weise zur Beschränkung der menschlichen Freiheit benutzt werden kann.“
 
Sokrates(ängstlich):
„Ich sehe, wie dunkle Wolken über unser heiliges Land ziehen und unser demokratisches Athen verfinstern. Überall wird es Wächter geben. Wächter in einem bisher noch nicht gegebenen Ausmaßes. Das was du soeben sprachst, böser Glaukon, wird zutreffen : Es werden Maschinen erfunden werden, die über uns schweben und uns nicht unbeobachtet lassen.“
 
Ademeintos(erschrocken):
„Ach je, dh. wenn ich mal mit einer hübschen Perserin flirte, dann bekommen die das gleich mit...“
 
Glaukon(unterbricht):
„Und schicken eine ‚Photographie‘, ein Bild zu deiner Frau, wo du diese besagte Perserin küßt.“
 
Ademeintos:
„Photographie ? Was soll das bedeuten ?“
 
Glaukon:
„Photographie ist ein Verfahren, mit dem für das Auge ein reelles Bild auf lichtempfindlichen Schichten mit Hilfe einer Kamera festgehalten wird.“
 
Ademeintos:
„Was ist eine Kamera ?“
 
Sokrates(schockiert):
„Lieber Ademeintos, siehst du nicht mit was für einer genialen Bösartigkeit neue Errungenschaften der Wissenschaft ausgenutzt werden ?“
 
Glaukon(glücklich):
„Eine Kamera ist ein Gerät mit einer Linse, mit der diese Bilder produziert werden. Aber nicht nur darauf werden WIR uns Lukomoiden beschränken. Wir werden, um „Ozeanien“ mit robuster Hand bewachen zu können, vollautomatische Feuerwaffen entwickeln, die mithilfe des Prinzipes des Gasdruckladers funktionieren. Wir werden diese neuen Waffen, die eine Reichweite von mindestens 1000 m haben werden, MGs nennen, Maschinengewehre.“
 
Adeimeinots(überwältigt):
„Wahnsinn, ist ja der Hammer. Kann ich auch so eine haben ?“
 
Sokrates(enttäuscht):
„Ich wußte es Glukon, du böser Scharlatan, daß du in den Diensten der Lukomoiden stehst ! Warum tust du das ? Was haben dir diese Tyrannen versprochen ? Mehr Rechte als die anderen, vielleicht sogar einen Ministerposten ?“
 
Glaukon geht auf die Rednerbühne und schiebt Sokrates beiseite.
 
Glaukon(laut):
„Höret her, ihr dummer Pöbel, um so früher ihr euch auf die Seite von „Big Brother“ und seiner „Inneren Partei“ stellt um so eher bekommt ihr eine Vergünstigung in Form eurer Rechte. Einmal pro Woche für eine Stunde unbeobachtet im Wald spazieren gehen oder einmal im Monat ein Fluch ohne Bestrafung aussprechen, das soll euer Lohn sein, wenn ihr euch auf die meinige Seite jetzt schon stellt.“
 
Ademeintos:
„Interessant. Was springt noch dabei heraus, wenn der „große Bruder“ regiert ?“
 
Glaukon:
„Für das einfach Volk werden digitale Videospiele erfunden, mit denen du dich, lieber Ademeintos, den ganzen lieben langen Tag beschäftigen kannst. Du wirst gar nicht mehr davon wegkommen, die Bombardierung und Reizüberflutung der gestochen scharfen Computerbilder auf deine Netzhaut wird dich regelrecht süchtig machen, deine Seele wird nach diesen Phantasmagorien schreien !“
 
Sokrates(erschüttert):
„Wie erschreckend, Glaukon, du versuchst die Menschen mit Weinguß und demütigenden Gedüft umzulenken. Du bist wie eine garstige Fledermaus im Winkel der gräulichen Höhle, schwirrend flattern und nieder vom Felsen sinkend. Statt die Besonnenheit und Harmonie zu predigen läßt du es zu, daß die Menschen für immer versklavt werden und keine Freiheit besitzen dürfen. Ah, da ist er, mein Freund, Pythagoras. Sprich bitte und bringe die Leute wieder zur Vernunft.“
 
Pythagoras geht auf die Rednerbühne.
 
Pythagoras(nachdenkend):
„Hmmm. Also mich interessiert dieser Aspekt der Politik, ob jetzt Diktatur oder Demokratie, recht wenig. Aber das mit diesen ‚Phantasmagorien‘ und diesen ‚digitalen Videospielen‘ klang ganz interessant. Meine „Pythagoreer“, mein Verein, ist der festen Meinung, daß Harmonie auf Zahlenverhältnissen beruht und das Wesen der Dinge besteht in den Zahlen.“
 
Glaukon:
„Lieber Pythagoras, stelle dich in die Dienste meines Vorgesetzten „Big Brother“ ! Dich brauchen wir. Denn diese digitale „Computerwelt“ besteht bisher nur auf dem Papier. Ich habe die ganze Zeit über Kontakte mit dem „Big Boss“ der Lukomoiden. Diese Computer, diese Rechenmaschinen werden in Maschinensprache programmiert um für den großen Diktator arbeiten zu können.“
 
Ademeintos(irritiert):
„Ich verstehe nur Bahnhof. Vielleicht ist die Demokratie doch leichter zu verstehen und besser.“
 
Sokrates(erschüttert):
„PYTHAGORAS !! Begehe kein Verrat an die Menschlichkeit und die Würde eines jeden ! Du kannst doch diesen Glaukon nicht etwa noch deine Sympathie schenken ?“
 
Pythagoras:
„Hey, Maschinensprache, damit habe ich mich mit meinem Verein schon beschäftigt. Wir haben uns überlegt, in welcher Sprache man sich mit Maschinen unterhalten müsste, wenn es denn solche gäbe. Und da haben wir die Maschinensprache „Assembler“ entwickelt. Mit logischen Grundverknüpfungen, Digitaltechnik, den acht Daten- und Adressenregistern, dem Stack, dem...aber moment. Habt ihr, ihr Lukomoiden, solch eine Maschine überhaupt entwickelt ?“
 
Sokrates(wütend):
„Pythagoras, du Verräter !!“
 
Glaukon:
„Na klar ! Unser Lukomoid-König mit dem Namen „Bill Gateles“ hat einen Computer mit dem Namen IBM entwickelt. Ein 586er Pentium III–Prozessor und mit dem Betriebssystem Windows XP.“
 
Ademeintos(irritiert):
„Ähhh, kann ich damit auch diese ‚Phantasmagorien‘ spielen ?“
 
Pythagoras:
„Und kann man damit die Universal-Formel errechnen ? Mit der man die gesamte Welt beherrschen kann ?“
 
Sokrates(traurig):
„Bin ich enttäuscht von dir, Pythagoras !!“
 
Glaukon:
„Mit dieser Wundermaschine ist alles erdenkbare möglich ! Und diese Videospiele für die Plebejer, das einfache Volk, kann man in Unmengen herstellen.“
 
Nun mischt sich Platon ein.
 
Platon:
„Guten Tag allerseits. Ich habe von den neuen Errungenschaften des „Bill Gateles“ gehört und will...“
 
Sokrates(flehend):
„Bitte halte zu mir, sei mein Mitstreiter und Kämpfer für das Gute !“
 
Platon:
„Einen Moment noch, Sokrates. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, auf welche Seite ich mich begeben soll. Du weißt, mit dieser Krankheit laufe ich mein Leben lang rum, du weißt mein ungebändigtes opportunistisches Verhalten bestimmt mein Alltag. Jetzt aber eine Frage an dich, Glaukon : Ich habe da eine Vision. Die Vision EINES FERNSEHERS ! (kurze Pause) Ich stelle mir ein viereckigen Kasten vor, den man nur anschalten muss und man diese vorhin genannten ‚Photographien‘ hintereinander sehen kann. In flüssiger, sich bewegender Form. Ich würde das dann ‚Fernsehen‘ nennen.“
 
Sokrates(fluchend):
„Seine Zahl ist 666 und er arbeitet mit Bildern. Der Teufel, seine Bilder werden über den ganzen Kontinent verbreitet.“
 
Glaukon:
„Diese Idee von dir, Platon, ist auch uns Lukomoiden nicht neu. Wir arbeiten daran. Denn mithilfe dieses Apparates könnten wir nicht nur unsere olympischen Spiele weltweit übertragen, sondern unser „Big Brother“ könnte täglich seine Ansprachen für das Volk halten.“
 
Ademeintos(begeistert):
„Ey, ich glaube ich bin doch auf der Seite der Lukomoiden. Olympia im Fernsehen, wie geil !“
 
Platon:
„Nun brauchen wir für unsere ganzen Projekte und Unternehmen eine Energiequelle. Denn einfach nur mit Feuer oder...“
 
Sokrates(unterbricht):
„HA, jetzt habe ich euch ! Diese Energiequelle weiß ich anzuzapfen. Und zwar die Sonnenenergie mit Hilfe von ‚Solarzellen‘ ! Hehe, aber meine Erfindung bekommt ihr nicht !!“
 
Glaukon:
„Genau daran hapert es noch. Wenn wir so etwas wie Solarzellen hätten, dann wäre unser „Big Brother“ schon längst regierend in Athen.“
 
Ademeintos:
„Könnte man auch Geräte entwickeln, die fliegen ? Ich würde sie Flugzeuge nennen. Damit könnte man wirklich die Welt erobern !“
 
Platon(flehend):
„So sprich nun, lieber Sokrates, von dieser Möglichkeit der Sonne ihre Energie zu nehmen ! Schließe dich uns an !“
 
Sokrates(entschlossen):
„Ich denke nicht daran. Die geheime Formel der Solarzellen bleibt in meiner Obhut.“
 
Glaukon:
„Ach, höret nicht auf diesen betagten Greis. Er ist doch nur ein Redner, ein Philosoph, der nicht im Stande ist wissenschaftliche Errungenschaften zu entwickeln.“
 
Sokrates(selbstbewußt):
„Ich erfinde, also bin ich !“
 
Pythagoras(flehend):
„Denke doch an die ganzen Vorteile, die uns „Ozeanien“ bringen würde. Du, lieber Sokrates, würdest deinen eigenen Fernseh-Sender bekommen.“
 
Sokrates:
„Ich bin aber ein Gegner der Inneren Partei, der Fraktion des bösen „Big Brothers“ !“
 
Platon:
„Sei doch nicht so. Du sprichst doch nur so geschwollen, damit du deinem Ruf der Demokratie gerecht wirst. Damit schmückst du dich ein Verfechter der irrigen Staatstheorie zu sein, die angeblich nur das beste für den Menschen sein will.“
 
Aristoteles mischt sich unter die Menge mit einem Sortiment an exotischen Leckereien.
 
Aristoteles(laut):
„Frische Austern-Zungen ! Köstliche See-Quallen-Flocken ! Frische Austern-Zungen ! Leckere Zander-Flossen !“
 
Sokrates:
„Ich bleibe dabei. Und will nichts von eurem Ozeanien-Quatsch mehr hören !“
 
Es tritt ein gewisser Orwelles in den Vordergrund.
 
Orwelles(laut):
„Ich bin mit einer atomkraftangetriebenen Zeitmaschine zu euch gereist, um mir eine neue Idee für ein Buch zu holen. Das wovon ihr allerdings sprecht habe ich schon als Buch veröffentlicht. Hier, ich gebe euch mein neustes Werk : „1984“. Lest es sorgfältig und sorgt dafür, daß die Menschen nicht dieser Tyrannei verfallen. Ich habe das Buch kurz nach einer der grausamsten Diktaturen der Menschheit geschrieben. Strengt euch an und sorgt für menschliche Werke, vielleicht könnt ihr diesen Weltkrieg, der lange nach eurer Zeit über die Welt hereinbrechen wird, beeinflussen oder gar mit euren Schriften verhindern !“
 
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