Sabine und Nina stehen vor dem Prüfungsraum. Beide studieren Mathematik auf Diplom und haben heute ihre letzte mündliche Prüfung.
Sabine(aufgeregt):
„Ohh Gott, ich bin so aufgeregt. Und du, Nina?“
Nina(aufgeregt):
„Ich auch, ich auch. Der Professor, der uns heute prüft, soll richtig streng sein. Letztes Semester ist ein Mathestudent nach der Prüfung aus dem Fenster gesprungen, er hatte sie nicht bestanden gehabt.“
Sabine:
„Ein Kommilitone ist letztens auch durchgefallen, obwohl er zweieinhalb Jahre jeden Tag sieben Stunden gelernt hatte. ZWEIEINHALB JAHRE, SIEBEN STUNDEN und das JEDEN GOTTVERDAMMTEN TAG!! Und das nur für diese eine mündliche Prüfung! Zudem hatte er noch Brainstormingkurse besucht und sein Gedächtnis so fabelhaft trainiert, daß er das ganze Telefonbuch von Tokio UND Shanghai auswendig konnte. Nach der Prüfung hatte er erst mal eine ganze Packung Kreide aufgefressen und mußte dann wegen einer Magenvergiftung ins Krankenhaus.“
Nina:
„Hoffentlich wird das nicht zu schwer heute. Ohhje, wie mir die Knie schon zittern. Ich hoffe, der fragt mich nichts über das Tangentenproblem bei der Differenzierbarkeit. Oder diese fiesen Lagrangeschen Multiplikatoren, oder dieses gemeine Matrizenkalkül oder diese...“
Sabine(unterbricht):
„Hör auf, hör auf, du machst mich ja ganz verrückt! Ich habe Probleme bei Differentialgleichungen 20, Ordnung, da wird es sehr unübersichtlich oder bei den...“
Die Tür des Prüfungsraumes wird vom Professor geöffnet.
Professor:
„Liebe Frau Nina Lüdenscheid, bitte kommen Sie herein.“
Nina geht mit dem Blick auf den Boden gerichtet in den Raum. Die Tür wird geschlossen und Sabine horcht an ihr, was in dem Raum gesprochen wird.
Professor(ernst):
„Liebe Frau Lüdenscheid, ich bitte Sie ihr Handy und andere elektronische Geräte, die Sie bei sich tragen, auszuschalten. Ich hoffe, Sie haben sich auf die heutige Prüfung gut vorbereitet. Es ist schließlich ihre letzte Prüfung, davon hängt unter anderem auch ab, ob Sie Diplommathematikerin werden oder nicht.“
Nina:
„Ja, Herr Professor.“
Professor:
„Beginnen wir mit der ersten Frage : Wie heißen Sie und was studieren Sie?“
Nina(verwundert):
„Ähh, ich heiße Nina Lüdenscheid und studiere Mathematik auf Diplom.“
Professor:
„In welcher Stadt sind Sie geboren?“
Nina:
„Ähh, in Berlin.“
Professor:
„Und jetzt die letzte Frage: Wie lautet die Ableitung von x² ?“
Nina:
„Ähh, 2x“
Professor:
„Gut, Sie haben bestanden!“
Nina:
„Wie, das war es schon?“
Professor:
„Genau, Sie haben den mündlichen Teil der Diplomprüfung bestanden.“
Ein anderer Professor geht an Sabine vorbei und geht in den Raum. Nina verläßt den Raum und ist überglücklich.
Sabine(staunend):
„So einfach war das?“
Nina(glücklich):
„Ohhja, ich bin so glücklich, ich glaube wir als Frauen haben einen Bonus und haben es einfacher, hehehe.“
Sabine(froh):
„Na, wenn das so einfach ist, dann habe ich auch keine Angst mehr. Die silbergrauen Schildkröten jauchzen tibetische Volkslieder, der Ottifant trinkt ein Jever-Pils und macht Witze über Ostfriesen und die Regenwürmer schlagen Salti und feiern Silvester und Fronleichnam an einem Tag!“
Sabine betritt sehr selbstbewußt den Prüfungsraum. Ein Professor steht am Fenster und schaut raus, ein anderer Professor schüttelt dauernd den Kopf und der Professor, der vor ihr steht, spricht zu ihr.
Professor:
„Liebe Frau Palin, ich bitte Sie ihr Handy und andere elektronische Geräte, die Sie bei sich tragen, auszuschalten. Ich hoffe, Sie haben sich auf die heutige Prüfung gut vorbereitet. Es ist schließlich ihre letzte Prüfung, davon hängt unter anderem auch ab, ob Sie Diplommathematikerin werden oder nicht.“
Sabine:
„Ja, in Ordnung. Ich heiße Sabine Palin und studiere Mathematik auf Diplom.“
Professor:
„Ich weiß, ich weiß, sonst wären Sie ja nicht hier.(kurze Pause) ‚Der nächste junge Tag ließ mich von allen Seiten mit dem Rufe: Mathematiker! begrüßen. Guten Morgen, Mathematiker! Haben der Herr Mathematiker wohl geruht? Mathematiker, zum Frühstück! hieß es, und das Völklein handhabte diesen Titel mit derjenigen gutmütig spottenden Freude, welche es immer empfindet, wenn es für einen neuen Ankömmling, den es nicht recht anzugreifen wußte, endlich eine geläufige Bezeichnung gefunden hat‘. (kurze Pause) Liebe Frau Palin, Sie sind nun schon etliche Jahre Studentin an einer Universität in Berlin, Sie hatten sicherlich auch schon das Vergnügen gehabt mit vielen anderen Studenten sich zu unterhalten, Wissen auszutauschen, Erfahrungen fürs Leben zu machen und das ganz interdisziplinär. Lassen wir Analysis, Numerik und den ganzen Kram, das ist ja viel zu trivial. Mein Kollege am Fenster, Herr Papula, wird Ihnen einige Fragen aus dem Leben stellen, die Sie zu beantworten haben.“
Sabine(verwundert):
„Aha.“
Herr Papula stellt eine Frage und schaut dabei aus dem Fenster.
Papula(ernst):
„Joseph Fouche, Herzog von Otranto, und das seit dem Jahre 1809, war ursprünglich ein Lehrer des Oratorianerordens. Er war 1794 am Sturz von Robespierre beteiligt, er war der Gründer der Geheimpolizei in Frankreich und er baute ein feingeknüpftes Spitzelsystem auf, mit deren Hilfe er große Macht erlangte. Er erfand den klassischen Papageienkäfig, machte den Trapezteppich zur Mode und aß gerne zu Mittag ein Gericht, welches durch ihn zu einer Berühmtheit wurde. (jetzt schaut er Sabine an). Wie hieß dieses Gericht?“
Sabine geht zwei Schritte zurück, bis an die Tafel. Was ist das denn für eine Frage?!
Sabine(überlegt):
„Trapezteppiche, Trapez, m = 1/2(a+c), a = Avocado, c = Coque au vin, Huhn = Papagei, mit Wein“
Sabine(laut):
„Papagei mit Wein und Avocados.“
Herr Papula nickt kurz und schaut wieder aus dem Fenster. Der andere Professor hebt die Augenbrauen und lächelt kurz.
Professor(lächelt):
„Sie haben die erste Frage mit Bravour gelöst, Frau Palin. Doch, wie ich Ihnen mitteilen muß, war diese Frage nicht zu anspruchsvoll, schließlich war es ja die erste.“
Sabine(verwundert):
„Aber das hat ja gar nichts mit Mathematik zu tun.“
Professor:
„Ja, Frau Palin, wir erwarten von den Mathematikern der Neuzeit eine gewisse Allgemeinbildung, mit der gewöhnlichen Mathematik kommen Sie heute nicht mehr weit. In einer Zeit wie heute, wo bald Coladosen als Handy benutzt werden, wo bald jeder mit dem Fernseher philosophieren kann und wo in ferner Zukunft Katzen Gitarre spielen lernen. Herr Papula, bitte die nächste Frage!“
Papula:
„In der Schiffsbaukunst ist der Gittermast ein freistehender stählerner Mast mit quadratischem oder rechteckigem Querschnitt. Selten, aber dennoch recht häufig, findet man ihn auf einer Yacht der Polimaäer-Sekte, die sich sonnabendlich traf und gemeinsam Himbeersekt mit Makrelen verspeiste. Sie gaben ihrem Hund gerne davon zu futtern, dieser begann dann ungarische Volkstänze zu entwerfen und führte diese vor. Der bekannteste dieser Sekte, die ihren Sitz in Uruguay hatte, wurde Dirigent im Eckfunk Italiens und vertonte bekannte Filme wie „Die Schleier der Ananas“ oder „Der rote Bastard der Geobotanik“. Er schrieb auch eine Oper über Uxmal, die heilige Stätte der Mayas in Mexiko. Aber sein berühmtestes Werk ist und bleibt über den Hund der Sekte mit dem Titel „Hundsgemein“. Er spielt da selbst das Cello nicht nach gewöhnlichen Regeln, er spielt sie einzeln ein, nacheinander in Kette. Doch in dieser Oper kommt nicht an einer einzigen Stelle der Name des Hundes vor. (er schaut Sabine an) WIE hieß dieser Hund?“
Sabine(überlegt):
„quadratischer Querschnitt, quadratisch, quadratische Gleichung: x²+px+q=0, px, p, pes(slawisch)=Hund, q = Quno, Kuno, rechteckiger Querschnitt, Rechteck, Querschnitt = Fläche, Fläche des Rechtecks: F = a*b, ab, „Ab“: 11.Monat des jüdischen Kalenders, 11, jüdisch, jüdische Philosophie: Saadja im 11.Jahrhundert, Saadja: jüdischer Gelehrter, bedeutendster Gaon des mittelalterlichen Judentums, Gaon(hebräisch) = Exzellenz, exzellieren = hervorragen, glänzen.“
Sabine(laut):
„Kuno der Glänzende.“
Papula schüttelt den Kopf und schaut wieder aus dem Fenster.
Professor:
„Ich gebe Ihnen noch einen Tip: Eine Universität hier in Berlin trägt diesen Namen.“
Sabine:
„Humboldt?“
Professor:
„Nein, nicht raten. Recherchieren Sie in Ihrem Kopf ein wenig. Sie haben ja noch etwas Zeit, Frau Palin.“
Sabine(überlegt):
„Yacht der Sekte, Yacht, Y, y´, heilige Stätte der Mayas = Uxmal, Uxmal, ux, u(x), u´(x), Cello einzeln nacheinander in Kette, nicht gewöhnliche Regeln, Kette, Regel, Kettenregel: y´ = F´(u)*u´(x), F´(u), Universität in Berlin, FU Berlin, Fu.“
Sabine(laut):
„Fu.“
Papula nickt kurz und schaut wieder aus dem Fenster.
Professor(lächelt):
„Genau, richtig. Nach ihm ist auch der Hund in den Schulbüchern der ersten Klasse in der Grundschule benannt. Wie fühlt es sich an Frau Palin? So kurz vor dem Diplom, vor dem Ziel? Beschreiben Sie ihre Gefühle.“
Sabine(schwärmt):
„Ach, es ist schon schön. Neun Jahre habe ich studiert, die Arbeit als Tutorin hat mir auch viel Spaß gemacht. Und überhaupt, es war eine schöne Zeit hier. Heute ist ein wichtiger Tag für mich in meinem Leben. (kurze Pause) Habe ich etwa schon bestanden?“
Professor:
„Nein, noch nicht. Sie müssen nur noch eine Frage beantworten. Die ist aber ganz einfach, ich konnte sie damals schon im Grundstudium beantworten, Frau Palin. Was wollen Sie nach der Universität machen?“
Sabine:
„Ich würde gerne an der Uni arbeiten, als Professorin. Und im Ausland würde ich gerne arbeiten, also hin und wieder. Stellen Sie mir jetzt die letzte Frage? Ich kann es kaum abwarten.“
Professor:
„Herr Papula wird Ihnen was auf seiner Gitarre vorspielen und Ihnen dann eine Frage stellen.“
Papula holt seine Gitarre und setzt sich hin. Er spielt das Lied „Scarborow Fair“. Dazu pfeift er die Melodie. Nach dem Lied legt er die Gitarre beiseite und schaut Sabine an.
Papula:
„Die Frage, die ich Ihnen stellen werde, ist nicht so schwer. Wieviel...“
Sabine(unterbricht):
„...Töne kommen im ganzen Lied vor?“
Papula(irritiert):
„...ähhh...“
Sabine(lächelt):
„Oder wieviel Akkorde?“
Papula:
„...ähhh...“
Sabine:
„Welcher Ton kommt am häufigsten vor? Ich sage mal, der Ton ‚C‘ kommt am meisten vor. Stimmt das?“
Papula:
„...ähh, also, eigentlich, also, das weiß ich jetzt nicht...“
Sabine:
„Wieviel Leute haben dieses Lied komponiert?“
Papula:
„Genau, ähh, das war eigentlich meine Frage. Es waren zwei. Oder so. Entschuldigung, ich bin gerade etwas durcheinander.“
Sabine:
„Wieviel Saiten hat eine Gitarre?“
Papula:
„Ähh, ich glaube fünf. Oder ne, sechs. Oder so. Entschuldigung, aber...“
Professor(erregt):
„Genau, Frau Palin, stellen SIE ihm jetzt mal die Fragen! Seit Jahren quält er schon die armen Studenten mit seinen wirren Fragen, er hat sich im Kreis der Professoren mit seiner unprofessionellen Pädagogik durchgesetzt. Ich habe auch schon unter ihm gelitten, jeden Tag bin ich in allen Gliedern müde, ich schlendere langsam daher und ich komme in meinen zerstreuten Gedanken zusehends herunter. DEGRADIEREN SIE IHN!“
Man hört draußen auf einmal einen Schrei. Ein junger Mann fliegt am Fenster herunter.
Sabine:
„Wer war das?“
Professor:
„Herr Kleinlich, er hat eine mündliche Prüfung über uns. Sein Prüfer stellt ihm Fragen, die Herr Papula entworfen hat. Der arme Student. Aber das sollte Sie noch mehr anstacheln, Frau Palin, zeigen Sie es dem Papula!“
Sabine nimmt ein Stuhl und setzt sich mit verschränkten Armen und wütendem Blick hin. Papula geht langsam auf die Tafel zu.
Papula(jammert):
„Entschuldigen Sie, diese Fragen, Sie konnten sie doch aber alle beantworten. Denken Sie nicht an Herrn Kleinlich, der ist sowieso suizidgefährdet. Der raucht immer Kaugummis und denkt, daß...“
Sabine steht auf und schreibt eine Gleichung an die Tafel. Sie schreibt : Stones(x)=Richards(x)*Jagger(x)/(Jones(x)-Tyler(x)).
Sabine(streng):
„Bilden Sie die erste Ableitung, Herr Papula!“
Papula:
„Ich...ich...kann nicht. Ich will lieber dichten!
Die Merowinger tranken gerne Wein,
heute sieht man nur noch ihr Gebein.
Die Schwerter hoben sie in die Luft,
heute war ich bei ihnen in der Gruft!“
Sabine:
„Dann machen wir es noch einfacher. Was ist die Ableitung von arc sin (unfähig). Leiten sie nach ‚unfähig‘ ab!“
Papula:
„Entschuldigung, ich entschuldige mich auch bei Herrn Kleinfeld, ich schaue mal aus dem Fenster (schaut raus), ach dem geht’s ganz gut da, der liegt da noch. Der ist bei dem schönen Wetter bestimmt eingeschlafen. Ich will nicht mehr, Frau Palin!“
Sabine:
„Dann machen wir es noch einfacher : x = (Arroganz/Intelligenz) * (Gehalt pro Jahr). Lösen Sie nach ‚Intelligenz‘ auf! Der Wert x ist bei keinem Menschen auf der Welt so hoch wie bei Ihnen“
Papula(kniet sich hin):
„Aua, das kann ich nicht, liebe Sabine. Ich will lieber dichten:
Die Baumsocke fällt nicht weit vom Stamm,
ich liebe Action mit Jean-Claude-van-Damme.
Der Wasserfall entspringt aus der Haselnuss,
Liebes Aschenbrödel, gib mir die Liebe und den Kuss.
Der Herold singt seine letzten...“
Sabine(unterbricht):
„FALSCH! Können Sie überhaupt irgendwas in Mathe?“
Professor:
„Sehr schön, Frau Palin, zeigen Sie es dem!“
Papula:
„Also, das Einmaleins kann ich ganz gut. (kurze Pause. Herr Papula steht auf, holt tief Luft und spricht ganz ernst). Jetzt stelle ich Ihnen eine Frage : Das unbestimmte Integral eines CO²-Moleküls ist kein Inversionszentrum. Die Gleichung a=-5e1+11e2 ist nach der Taylor-Entwicklung streng monoton steigend. Der Vektormultiplikator...“
Sabine(gelangweilt):
„...ist im Unendlichen ampelkonvergent und die Giraffendimension ist eine Spiegelung der Grafitti-Transplantation...so ein Quatsch...Wissen Sie, was ich glaube, Herr Papula?“
Papula:
„Was denn, liebe Sabine. Entschuldigung, aber...“
Sabine:
„Wir sind nicht per Du, Herr Papula! Ich glaube, Sie kombinieren einfach irgendwelche mathematischen Begriffe, die gar keinen Sinn ergeben. Das kann ja jeder.“
Papula(traurig):
„Sie haben recht, Frau Palin. Entschuldigung.“
Sabine(streng):
„Wie heißt der Girlandenfaktor der Unterdeterminanten D(Rosenstolz)?“
Papula:
„Weiß ich nicht. Sie haben recht, Frau Palin. Sie sind übrigens sehr hübsch. Ich kann gar nichts in Mathe, ich habe damals schon mein Abitur mir erschlichen. Und auf der Uni habe ich auch nur geschummelt.“
Professor:
„Aha, so ist das also! Sie wissen, was das bedeutet: Die sofortige Kündigung! Wieviel Studenten haben schon wegen Ihnen gelitten!“
Papula geht zum Fenster und schaut raus.
Papula(zufrieden):
„Herr Kleinlich ist übrigens in bester Gesellschaft. Um ihn herum stehen einige Leute, das hat er sich doch schon immer gewünscht mal im Mittelpunkt zu stehen. Oder besser gesagt zu liegen. Ohne meine Prüfungsaufgaben wäre er nicht in dieser Lage, das können Sie mir glauben. Aber noch mal zu mir: Ich mache eine moderne Art der Mathematik, ich bin der Picasso der Analysis. Pop-Mathematik kann man das auch nennen, was ich mache.“
Professor:
„Sie haben doch eben zugegeben, daß Sie nichts können in der Mathematik.“
Papula(begeistert):
„Kurvendiskussionen, vollständige Induktion, komplexe Zahlen, Vektorrechnung, das alles habe ich doch revolutioniert! In der Mathematik kommt doch das ästhetische viel zu kurz, man muß doch die Schönheit der Kurven begreifen. Schauen Sie mal!“
Papula malt zwei Kurven an die Tafel.
Papula:
„Die erste Kurve ist langweilig. Das ist x³. Aber die andere ist viel aufregender und schöner.“
Professor(ernst):
„Und wie ist die Gleichung der zweiten Kurve?“
Papula(ärgerlich):
„Das ist doch egal, Mensch. Ich weiß es nicht. Wurde Picasso jemals gefragt, wie die Gleichungen seiner Bilder heißen?“
Professor:
„Liebe Frau Palin, Sie haben die Prüfung bestanden. Glückwunsch! Und Sie, Herr Papula, werden gekündigt, nach dieser Sitzung geben Sie mir bitte die Schlüssel des Hauses, die Sie haben. Und den Eltern von Herrn Kleinlich werde ich sagen, daß Sie an seinem Fenstersprung schuld tragen.“
Papula(zufrieden):
„Na schauen Sie mal, draußen ist jetzt die Polizei und die Feuerwehr. Nur wegen Herrn Kleinlich! Und Reporter kommen bestimmt auch gleich, Herr Kleinlich macht noch richtig Karriere und wird berühmt. Und das nur wegen mir!“
Sabine(wütend):
„Ich finde, Herr Papula sollte auch eine hohe Geldstrafe bekommen.“
Papula:
„Nein, ich will lieber dichten:
Des Volkes Gemüt ist undurchschaubar,
der Wahrheit Genuß ist der irre Hofnarr,
die Heuschrecke weiß nichts vom Integral,
das Orakel der Freiheit windet sich wie ein Aal,
der heutige Tag ist des Antlitzes...“
Professor(unterbricht):
„RUHE! Sie sind gekündigt, Herr Papula!“
Papula(prahlend):
„Ein Ass habe ich aber noch im Ärmel! Ich habe gestern einen neuen Sortieralgorithmus entworfen, ha! Da staunen Sie, wa? Wenn Sie mich kündigen, dann gehe ich halt zu einer anderen Universität, die wird dann durch mich einen guten Namen bekommen, Sie brauche ich dann bestimmt nicht mehr!“
Professor:
„Was haben Sie entworfen?“
Papula:
„Papula-Sort heißt der Algorithmus: Mann muß nur die zu sortierenden Zahlen auf ein Blatt Papier schreiben, dann ausschneiden und dann sortieren. Die 1 kommt zu erst, dann die 2, dann die 3 und so weiter. HA, damit haben Sie nicht gerechnet! Die ganzen Computer weltweit werden mit diesem neuen Verfahren gefüttert, alle Rechner laufen schneller und ich werde weltberühmt!“
Sabine:
„Was erzählt der denn für einen Blödsinn? Kann ich mal nach Michael Kleinlich schauen gehen, Herr Professor?“
Professor:
„Ja, machen Sie das ruhig.“
Sabine verläßt den Raum und geht zum Hof, wo Herr Kleinlich auf einer Bahre weggetragen wird. Indessen steht der Professor auf und holt eine Packung Kreide aus dem Schrank. Danach wirft er Papula die Kreide zu.
Professor(streng):
„Zur Strafe essen Sie jetzt eine Packung Kreide.“
Papula öffnet die Packung und beginnt die Kreide zu essen.
Papula(mampfend):
„Wußten Sie, daß Kreide eigentlich ganz gesund ist? Kreide ist ein feinkörniger, weicher und lockerer Kalkstein, der wichtiger Mineralien enthält. In der Kreide auf Rügen sind sogar häufig Knollen von Feuerstein enthalten. Außerdem ist das auch sehr schmackhaft.“
Professor:
„Heute ist der Tag der Gerechtigkeit, der Tag der Abrechnung. Wieviel Studenten mußten schon wegen Ihnen leiden. Endlich ist jetzt Schluß damit. Ich hätte mich schon längst gegen Sie auflehnen müssen. Gestern die Prüfung mit Herrn Groß, wo Sie von ihm verlangten eine Polynomdivision mit seinen Schnürsenkeln zu lösen. Mit diesem Blödsinn ist jetzt Schluß. Haben Sie aufgegessen? Dann springen Sie jetzt aus dem Fenster.“
Papula:
„Aus dem Fenster? Sie meinen eine Defenestration? Das ist ein Gewaltakt zur Liquidierung eines politischen Gegners. (kurze Pause, lächelt dabei) Geben Sie es zu: Meine Fragen bei den Prüfungen sind doch ganz kreativ, das ist mal was anderes.“
Professor(laut):
„Dann schreiben Sie ein Buch oder dergleichen. Los, springen Sie endlich aus dem Fenster!“
Papula(beschwichtigend):
„Wir können es ja so machen: Ich stelle meine phantasievollen Fragen und es ist egal, was der Student antwortet, wir geben ihm immer recht.“
Der Professor öffnet das Fenster und deutet mit dem Finger nach draußen.
Papula(entschlossen):
„Na gut, so soll es sein. Ich halte meine letzte Rede in meinem Leben. Die Alkoholblutprobe des Schmetterlings ist vergleichbar mit dem Landgericht in Mecklenburg-Vorpommern. Beide haben nichts zu bieten, obwohl die horizontale Salböleinbalsamierung am Gründonnerstag mit dem Christusbild ein Mißtrauensvotum in sich ist, und der Schmetterling ja kein Kenner von Exportbier ist, da wird sich der Zuhörer fragen, warum sein Blut nach Alkohol getestet wird, nicht wahr? Das ist die Edelfäule, die bei ihm zu Tage tritt und dann ganz, ach, wußten Sie, daß Sommerkrebse am dritten Tag nach Ostern Pocken bekommen? Oder das der amerikanische Vize-Präsident Johnson den marokkanischen Geheimdienst damals beauftragt hat den sozialrepublikanischen Moskitofänger Billy Graham zu finden? Der Drachenfels aus dem Alluvium in der regenbogenfarbigen...“
Der Professor schubst Papula aus dem Fenster. Er fällt tief und bleibt am Boden liegen. Auf einmal spricht einer, der noch gar nichts gesagt hat: Der Professor, der dauernd den Kopf schüttelt. Er heißt Herr Feldmann.
Feldmann:
„Sind Sie nicht auch ein Professor für Logik? Ihnen ist ein Fehler unterlaufen. Sie sagten eben :‘ Dann schreiben Sie ein Buch oder dergleichen. Los, springen Sie endlich aus dem Fenster!‘. Das ist aber unlogisch, wie soll er ein Buch schreiben und dabei aus dem Fenster springen?“
Professor(fassungslos):
„Ohh, stimmt, das ist mir gar nicht aufgefallen. Naja, er hätte ja während des Sprunges ein Buch schreiben können. Wobei das eher eine Kurzgeschichte geworden wäre. Eine kurze Kurzgeschichte. Wobei, naja, es wäre noch nicht mal eine Seite geworden. Und ich fürchte, ja, ich fürchte, er hätte da noch nicht mal einen Satz schreiben können! Vielleicht ein Wort hätte er geschafft. Das Wort ‚Logik‘.“
Der Professor fäßt sich an den Kopf und kann es nicht fassen. Was für ein schwerwiegender Fehler! Er ist kein Deut besser als Papula und eben diesen hat er aus dem Fenster gestoßen. Das kann er alles nicht fassen! Er setzt sich neben Herrn Feldmann und schüttelt ebenfalls den Kopf.
Ein anderer Student, der heute auch geprüft werden soll, öffnet die Tür. Und kann seinen Augen nicht trauen! Er sieht an der Tafel zwei Kurven, davon ist die eine sehr abstrakt, auf einem Tisch ist eine Packung mit Kreideresten und zwei Professoren sitzen nebeneinander und schütteln den Kopf.