Im Supermarkt treffen sich Michael Frost und Christian Steiner.
Michael(verwundert):
„Ähh, entschuldige. Bist du nicht etwa Christian? Christian Steiner?“
Christian(genervt):
„Ja, der bin ich. Ich kann aber gerade nicht, ich...ich...hey, du bist doch Michael! Michael Frost, richtig?“
Michael:
„Ja, genau. Wir haben damals in der WG zusammen gewohnt. Aber komm, da waren wir 18 oder so. Ist schon über zehn Jahre her.“
Christian(freundlich):
„Richtig. Sorry, ich dachte du bist einer, der mich im Fernsehen oder im Kino gesehen hat und jetzt ein Autogramm von mir haben will. Bei dir ist es was anderes, ich gebe dir natürlich sofort eins.“
Michael:
„Nein, das brauche ich nicht. Laß uns mal ins Cafe gehen, ich glaube wir haben uns eine Menge zu erzählen. Ist viel passiert in den letzten Jahren.“
Beide verlassen den Supermarkt und gehen ins Cafe. Da setzen sie sich an einen Tisch.
Michael(neugierig):
„Wie hast du es geschafft? Ganz nach oben zu kommen, meine ich.“
Christian(beschämt):
„Ich...ähh...wurde auf der Straße von einem Scout angesprochen, ob ich mal für eine Jeans Werbung machen möchte. Da habe ich mir das angesehen und zugesagt. (Pause) Was hast du nach dem Abi gemacht?“
Michael:
„Ich habe nach dem Bund – ich wurde für den Zivildienst abgelehnt, trotz meines Einspruchs. Dann kam es zur Gerichtsverhandlung, leider habe ich etwas Haschisch zu mir genommen und im Gerichtssaal war eine ganze Schulklasse die mal einen Prozeß ansehen wollte. Das hat mich alles so nervös gemacht, ich habe den Prozeß verloren – nach dem Bund habe ich – ist hart der Wehrdienst, da darf man keine Schokolade essen und mit Musik ist auch nichts. Kennst du das Lied „I love Rock´n Roll“? Weißt du wie geil das Lied ist, wenn man 11 Monate keine Musik gehört hat?“
Christian:
„Ich glaube ich kenne es. Britney Spears hat das doch gecovert.“
Michael(ärgerlich):
„Blöde Kuh! Die ist doch voll nur auf Materie aus, so ein konsumträchtiges Weib!“
Christian:
„Ach privat ist die eigentlich ganz in Ordnung.“
Michael:
„Kennst du die etwa?“
Christian:
„Wir haben uns mal im Backstage auf einem Festival unterhalten. Sie hat eine Flasche Wein spendiert, war ok. Aber jetzt sage mal was du nach dem Bund gemacht hast.“
Michael:
„Ich habe angefangen Linguistik zu studieren, ich wollte die Welt retten. Jaja, damals noch der jugendliche Leichtsinn. Ich wollte eine Sprache erfinden, die jeder auf der Welt leicht von seiner Muttersprache ableiten kann. Die jeder schnell lernen kann, jeder auf der Welt kann den anderen dann viel leichter verstehen, es gibt weniger Konflikte. Leider konnte ich nach 6 Semestern nicht mehr weiterstudieren.“
Christian:
„Warum nicht?“
Michael:
„Ich habe mich mit dem Professor, der das Projekt leitete, angelegt. Ich habe ihn „Du alter Hosenscheißer!“ bei einer Vorlesung genannt. Wie damals Victor Kortschnoi in den Siebzigern zu Anatoli Karpow. Jedenfalls wurde ich daraufhin von der Uni exmatrikuliert.“
Christian:
„Ohh, das tut mir leid. Und du konntest nicht an einer anderen Uni weiterstudieren?“
Michael:
„Nein, das hat sich rumgesprochen. Außerdem konnte ich nicht mehr weiterstudieren, weil ich kein Geld mehr hatte.“
Christian:
„Was hast du dann gemacht?“
Michael:
„Ich habe mich dann voll und ganz aufs Schachspielen konzentriert. Ich bin einem Verein beigetreten mit dem Namen „Schwarze Dame“. Ich mußte erst in der C-Klasse beginnen, habe knapp den Aufstieg verpaßt, konnte mich dann aber im Lasker-Open für die A-Klasse qualifizieren. Und habe dann in der Clubmeisterschaft um den Titel gespielt.“
Christian:
„Wieviel Geld konnte man da gewinnen?“
Michael:
„Ähhh, ja also. Das war ja alles nur auf Amateurniveau, Profis sind das jetzt nicht. Aber da sind schon sehr gute Leute, die können das Spiel richtig gut. Die haben eine ausgeklügelte Strategie, verfügen über sämtliche Kenntnisse taktischer Tricks und haben ein unglaubliches Vorstellungsvermögen.“
Christian:
„Hast du es geschafft? Bist du Klubmeister geworden?“
Michael(verträumt):
„Es war ein verregneter Apriltag, die hübsche Lenka war auch dabei, sie war die Freundin meines Kontrahenten Martin Uhl. Sie hatte mir noch ins Ohr geflüstert, das sie mal mit mir ausgeht, wenn ich gewinnen sollte. Ich stand während der Partie auch gut, ich hatte einen Bauer mehr und hatte mehr Raum und die Initiative. Leider...leider hat mein Handy im 35.Zug geklingelt...und die Partie war somit verloren.“
Christian:
„Ohh, das tut mir leid.“
Michael(stolz):
„Martin Uhl hat mir dennoch gratuliert zu der tollten Saison, die ich gespielt hatte und mich ein aufstrebendes Neumitglied des Vereins genannt.“
Christian:
„Bist du seitdem schon mal Klubmeister geworden?“
Michael:
„Ja, viermal. (Pause) Aber das ist nur Amateurniveau. Im Lasker-Open habe ich einmal 40 und einmal 100 Euro gewonnen. Mehr nicht. Die Profis spielen seit ihrer Kindheit Schach im Verein, jeden Tag mehrere Stunden, Schach ist ein hartes Brot.“
Christian:
„Ich kann kein Schach, ich kann gerade mal die Regeln, mehr nicht.“
Michael(abwertend):
„Du bist jetzt also Fotomodell, oder wie nennt man diesen Schnickschnack?“
Christian:
„Ja...ähh...also, ich habe noch Werbung für ein Aftershave gemacht und für Coca-Cola. Das Leben als Fotomodell ist ganz angenehm, aber ich wollte mehr. Richtig Karriere machen die wenigsten als Fotomodell. Philip Moch, der Regisseur, hat mich mal in einem Supermarkt getroffen, so wie eben mit dir, und er meinte, daß er einen neuen Film dreht und einen Hauptdarsteller sucht. Neben Sonja Lohmeier.“
Michael:
„Sag bloß, du bist jetzt ein richtiger Kinostar?“
Christian:
„Naja, eine richtige Leinwandlegende bin ich jetzt noch nicht. Aber der Film „Das zweite Ohr“ hat schon guten Anklang gefunden, die Leute mögen den Film.“
Michael:
„Wieviel Geld hast du bekommen?“
Christian:
„40.000 Euro. Demnächst sind Filmpreisverleihungen, da kann noch was rausspringen.“
Michael(ärgerlich):
„Wußtest du, daß jeder zweite Indonesier nach einem Handstand Husten bekommt? Und du räumst in dieser verdorbenen Welt richtig ab, beklagst dich noch, wenn einer ein Autogramm haben will und...“
Christian(unterbricht):
„Achja, entschuldige, ich wollte dir auch eins geben.“
Michael:
„Ich brauche diesen Quatsch nicht, für mich bist du ein gewöhnlicher Mensch, kein Heiliger. (Pause) Fotomodell...Schauspieler...ich habe eigentlich keinen Respekt vor solchen Menschen.“
Christian:
„Aber Micha, das ist ein harter Job...“
Michael(unterbricht):
„...wo man Texte auswendig lernen muß, die man noch nicht mal selber geschrieben hat. Ein bißchen Mimik, ein bißchen Gestik und schon ist man ein Star. Das kann doch jeder! Weißt du, wo sich Schachspieler und Schauspieler ganz vehement unterscheiden, ja diese zwei Sorten von Mensch sind in einer Sache genau das Gegenteil.“
Christian:
„Was...was meinst du?“
Michael(laut):
„Berühmtheit! Was muß ein Schachspieler machen um berühmt zu werden? Der muß schon Großmeister sein und um die Weltmeisterschaft spielen, ansonsten läuft da nichts mit Interviews und Tvtotal. Und Schauspieler? Die müssen einfach nur einen Text vor der Kamera runtersülzen, das war´s! UNGERECHT!“
Christian:
„Dafür kann ich doch nichts. Die Leute interessieren sich halt mehr fürs Kino und Spielfilme als fürs Schach. Werde doch Fußballer, damit kannst du leichter Karriere machen als mit Schach.“
Michael(ärgerlich):
„Rede mal nicht so, du Hanswurst, Fußball ist auch hart. Jeden Tag anstrengendes Training, dann noch dieses Verletzungsrisiko und und und. Sei froh, das wir in so einer verlogenen Welt leben, wo untalentierte Menschen wie du Erfolg haben und ich nicht.“
Christian:
„Jetzt werde doch nicht gleich so ausfällig. Wenn du Lust hast, kann ich dir auch mal helfen und eine Filmrolle vermitteln.“
Michael(mißachtend):
„Damit ich genauso wie du zum Etablissement gehöre, damit ich einen niegelnagelneuen Mercedes fahre und auf der Titelseite der Bunten bin? Nie im Leben, lieber bleibe ich Michael Frost, das verkannte Genie, da gehe ich lieber zum Blumentaler Platz und besorge mir was zu kiffen – und träume von einer besseren Welt. Das Träumen ist mein Lieblingshobby geworden, ohne meine Träume hätte ich mir schon das Leben genommen.“
Christian:
„Vielleicht solltest du weniger kiffen. Ich mache das nur ganz selten. Es tut gut einen guten Joint zu rauchen und an vergangene Erfolge zu denken. Mache du das nicht zu viel, weil...“
Michael(unterbricht):
„Weil ich im Leben noch nichts erreicht habe? Ich bin viermal KLUBMEISTER gewesen, einmal sogar mit elf Punkten! Nur weil das in dieser Welt nicht viel zählt, weil Leute wie du, die sich gerade mal eine Jeans anziehen können, in die Zeitungen kommen. Weil du gerade mal es schaffst ein Aftershave zu benutzen, kommst du gleich ins Kino. Also ehrlich!“
Christian(glücklich):
„Jetzt beruhige dich doch. Ahh, da kommt ein kleiner Junge, der will bestimmt ein Autogramm. Der läuft genau auf uns zu.“
Es kommt ein neunjähriger Junge auf die beiden zu. Er heißt Rene.
Rene(nett):
„Hallo, du bist doch Michael Frost, oder? Mein Bruder spielt in der B-Gruppe bei der „Schwarzen Dame“. Er hat einmal gegen dich beim Lasker-Open gespielt, aber er hat kaum eine Chance gegen dich gehabt. Er heißt Ulrich Borris. Kann ich mal ein Autogramm von dir haben?“
Christian(freundlich):
„Ja klar, mein Kleiner. Einen Moment, ich suche nur schnell meinen Stift.“
Rene(gemein):
„Nö, von dir nicht. Du bist doch der doofe Schauspieler, das ist doch voll einfach. Dein Film „Das zweite Ohr“ war schwach. (Pause) Von dir, Michael. Und schreib noch deine Nummer rauf, ich würde mich gerne mal mit dir treffen und was von dir lernen.“
Michael(väterlich):
„Ja klar, mein Kleiner. Einen Moment, ich suche nur schnell meinen Stift. Was spielst du am liebsten für eine Eröffnung?“
Rene:
„Spanisch. Und du?“
Michael:
„Ich spiele am liebsten Englisch oder Sizilianisch.“
Christian:
„Und ich japanisch (lacht).“
Rene:
„Hää? Das gibt es doch gar nicht. Bist du peinlich!“
Michael:
„Mach dir nichts daraus, Junge. Der ist Schauspieler und gewohnt mit billigen Sprüchen und schlechten Witzen Geld zu machen. Bei uns kriegt der nichts, ne?“
Rene:
„Nö. Der ist voll doof. Danke, Michael Frost, und wenn du wieder um den Titel bei der Vereinsmeisterschaft spielst, dann komme ich und kiebitze. Tschau!“
Der Junge geht weg.
Christian:
„Na, siehst du, jetzt konntest du auch mal ein Interview, ähh, ich meine ein Autogramm, ohh, da kommt ja meine neue Freundin, die Sonja.“
Es kommt Sonja Lohmeier zum Tisch.
Sonja:
„Hallo Chris, ist ja ein Zufall das du hier bist.“
Christian:
„Ich habe einen alten Freund...“
Michael(unterbricht):
„...Bekannten...“
Christian:
„...Bekannten getroffen, da haben wir uns hier hingesetzt um uns zu unterhalten. Wie war es bei Sabine?“
Sonja(begeistert):
„Toll, wir haben etwas Schach gespielt. Ein tolles Spiel! Wir können das aber noch nicht so gut, sie meinte, daß hier im Cafe öfter ein guter Schachspieler ist. (Pause) Bist du es etwa?“
Michael:
„Yepp, das bin ich.“
Christian stöhnt.
Sonja(glücklich):
„Na, super, dann laß uns gleich mal spielen, du hübscher Mann. Entschuldigung, meine direkte Art, aber ich bin halt so. Ich habe ein Brett und Figuren dabei, ich spiele am liebsten Russische Verteidigung und...“
Dabei holt Sonja ein Schachbrett aus ihrer Tasche. Christian steht jetzt auf. Er ballt seine Fäuste und ist rot im Kopf.
Christian(sauer):
„WAS soll das denn jetzt? DIESES SCHEISS SCHACH IMMER!!! Das ist doch so ein kleinkariertes Spiel wie Dame oder Mühle, warum vertreibt ihr eure Zeit nicht gleich mit Patience oder MauMau? Das ist doch keine Kunst, wer am weitesten denkt, der gewinnt, das ist doch Zeitverschwendung, Schauspielen ist doch viel interessanter und authentischer! Damit kann man Geschichten erzählen, das regt die Phantasie an, da ist viel mehr Leben als in diesem miefigem Brettspiel!“
Michael:
„Ok, dann spielen wir russisch. Du darfst ruhig mit Weiß beginnen. Du hast übrigens wunderschöne smaragdgrüne Augen, richtig aufregend. Entschuldige auch meine etwas zu direkte Art, ich heiße übrigens Michael.“
Sonja:
„Kein Problem, Micha, ich spiele e4. Ich habe auch gerne Ruy Lopez gespielt, aber mit russisch kann man viele gut reinlegen.“
Michael:
„Ich spiele e5. Ich weiß was du meinst, den Bauern mit dem Springer schlagen, dann bedrohst du mein Pferd mit der Dame und wenn ich das Pferd wegziehe, dann machst du Abzugsschach mit deinem Pferd und gleichzeitig bedrohst du meine Dame.“
Christian:
„Schach ist leblos, tot, ein Spiel für Bürokraten! Mit dem Schauspiel kann man viel mehr aussagen! Kann man mit Schach einen Berg erklimmen?“
Christian läuft theatralisch im Raum umher.
Christian(pathetisch):
„Mount Everest. Bedrohlich. Unnahbar. Furchterregend. Dieses Jahr hat dieser entlegene Gipfel des Himalajas, dieser mystische Tempel, umgeben vom unwegsamsten Gelände der Welt, einen weiteren Versuch seiner Bezwingung abgewehrt. In solch widrigen, frostigen Umständen wird jeder Mensch einer Zerreißprobe unterzogen.“
Sonja:
„Ich spiele Springer auf f3. Was machst du sonst noch außer Schach? Hast du studiert?“
Michael:
„Ein paar Semester Linguistik. Ich spiele Springer f6.“
Sonja:
„Linguistik. Das ist doch die moderne Sprachwissenschaft, die vor allem Theorien über die Struktur der gesprochenen Sprache behandelt und in speziellen Verfahren empirisch nachweisbare Ergebnisse macht. Ich spiele Springer schlägt auf e5.“
Michael:
„Das ist ein guter Zug! Das ist die älteste, meistgespielte und beste Fortsetzung. Jetzt darf ich nicht den Bauern auf e4 schlagen, das wäre sehr riskant. Ich spiele d6. Ein notwendiger Zwischenzug. Bist du eigentlich schon länger mit diesem Idioten zusammen?“
Sonja(abwertend):
„Ach, Micha, das ist doch nur so eine Affäre mit dem. Der ist ein Betthäschen für mich, mehr nicht. Wir haben uns in dem mittelmäßigem Film da kennen gelernt. Du siehst auch besser aus als der. Rosen hat er mir geschenkt und gesagt, ich wäre die schönste. So ein abgenudeltes Zeug. Mein Zug ist Springer f3.“
Michael:
„Ich schlage mit dem Springer auf e4. Ich habe dich mal auf der Wiese im Park liegen gesehen. Du lagst da, mit offenen Haaren und einem weißen Kleid. Das war ein schöner Anblick.“
Christian(singt):
„Sonja, Sonja, du kannst dir nicht vorstellen, was ich heute nacht träumte.
Ich ging in den Park und sah dich auf der Wiese bewegungslos liegen.
Ich atmete ein deinen Odem, welch süßlicher Duft ! und ich versäumte
Es nicht dich wach zu küssen, dich dabei in meinen Armen zu wiegen !“
Sonja:
„Mittelmäßiges Gedicht mal wieder. (Pause) Ja, Micha, ich bin gerne im Park. Wir können da auch mal hingehen und eine Partie spielen. Spielst du auch gerne Pokern? Mein Zug ist d4.“
Michael:
„Ohhja, ich spiele gerne Pokern. Manchmal ist es recht spannend. Beim Pokern kann man es, wenn man verloren hat, auch auf das Blatt schieben, beim Schach geht das nicht. Du hast schöne Haare, so leuchtend und dunkel. Du würdest zu uns passen, zur „Schwarzen Dame“. Mein Zug ist d5.“
Sonja(neugierig):
„Meinst du, ich könnte in einem Verein schon spielen? Ich spiele Läufer d3.“
Michael:
„Na klar, ein bißchen Übung und du kannst locker in der fünften Mannschaft spielen. Und in der C-Gruppe. Ich spiele Läufer d6.“
Christian(pathetisch):
„Wer kann in dieser Kammer den Lobhuldigungen der Verschwörer entsagen? Wer kann die schläfrige Aprikose bewahren vor der anstrengenden und aufzehrenden Erschöpfung und sie wecken? Jemand, der den Kerkern von Thebens Eulen stets fern blieb aber Mariannes Märchenbrunnen in den frühen Abendstunden mit seinem Flötenspiel beglückte. Jemand, der die Windungen der Marmorsäulen an der Charlottenburger Promenade besingt, aber den Hofnarren Einlaß gewährt, die der Moral und dem Pflichtbewußtsein nicht ihren Beistand geben und immerwährend dem Spiel des Satans, dem Spiel der Babylonier folgen und ihm Gefolgschaft leisten.“
Sonja:
„Jajaja, Johann Amadeus von Kästner. (Pause) Was mache ich jetzt nur, Micha? Soll ich das Pferd mit dem Läufer schlagen? Dann schlägst du mit dem Bauern zurück und vertreibst mein Pferd. Ich...ich...ich spiele c4.“
Michael:
„Ein sehr guter Zug, Sonja. Ich rochiere kurz. Jetzt ist es abends und man kann die Sterne sehen. Wollen wir danach in den Park gehen und den großen Wagen und Andromeda und Cygnus, den Schwan, bewundern?“
Christian:
„Heute steigen wir ein in ein Raumschiff, die Sterne sind diesmal unser Ziel,
schnall dich gut an, du kleiner Sonjanaut, alpha centauri wartet schon auf dich.
Das Licht des Polarsterns zieht uns an, ich verspreche dir nicht zu viel
es erschallt das höhnende Lachen des Jupiters, ich lasse dich nicht im Stich !“
Jetzt steht eine Frau, die am Tisch daneben sitzt, auf und geht zu Christian. Sie heißt Lenka.
Lenka(begeistert):
„Das war jetzt wirklich toll, umwerfend, phantastisch! Ich hätte schon längst was gesagt, aber ich habe mich nicht getraut, Herr Steiner. Ihr neuster...“
Michael(unterbricht):
„Hallo Lenka, toll das du auch da bist. Ich kann gerade nicht, aber nach der Partie kann ich dir ein Autogramm geben, wir können auch spielen, aber...“
Lenka(unterbricht):
„Du willst mir ein Autogramm geben? Du, ein Amateur? Was kannst du denn in deinem Leben außer Schach? Nichts!! Ich bin übrigens nicht mehr mit Martin zusammen, Schach spiele ich auch nicht mehr. Die Kasparow-Artikel und Bücher und so habe ich alle weggeworfen. Ich gehe lieber ins Theater und schaue tolle Filme (Pause) So tolle Filme wie deiner, Christian. Darf ich dich duzen?“
Christian:
„Na...na klar darfst du das.“
Sonja:
„Ach laß die doch. Die hat von Kasparow nur die Bilder gesammelt, von Schach versteht die nichts. (Pause) Ich glaube, du hast jetzt einen Fehler gemacht, Micha. Entschuldige, daß ich das sage, aber ich schlage jetzt deinen Bauer auf d5.“
Michael:
„Du hast jetzt einen isolierten Doppelbauern, der schwach ist. Ich sage Schach mit dem Läufer auf b4.“
Lenka:
„Wollen wir noch mal in „Das zweite Ohr“ gehen? Der ist so toll, oder wollen wir noch mal den ersten Teil, „Einohrhase“, sehen?“
Christian(geschmeichelt):
„Aber klar, ich würde dich gerne dazu einladen. Wir drehen bald noch einen dritten Teil, der wird heißen „Alle guten Ohren sind drei“. Wenn du willst dann kann ich dir schon was verraten, aber vielleicht willst du dich überraschen lassen, denn...“
Christian geht mit Lenka aus dem Cafe. Sonja und Michael spielen immer noch Schach.
Sonja:
„Ohh, jetzt kann ich deinen Springer mit dem Läufer nicht schlagen. Ich bewege den König nach f1.“
Michael:
„Jetzt kann ich mir den Bauern wieder holen, ich schlage mit der Dame auf d5.“
Sonja:
„Sag mal hättest du Lust mal in einem Film mitzuspielen? Ich ziehe meine Dame nach c2.“
Michael:
„Aber Sonja, ich bin kein Schauspieler, das kann ich bestimmt nicht und...wobei, warum nicht, ausprobieren sollte ich das schon. Ich bewege meinen Turm nach e8.“
Sonja
„Ich kenne einen der ein Drehbuch geschrieben hat, wir suchen nur noch den Hauptdarsteller. Michael Douglas, Brad Pitt, Rebecca Romijn und, du wirst staunen, Garri Kasparov spielen mit. Ich spiele Springer nach c3.“
Michael:
„Ich schlage mit meinem Springer den auf c3. Wie wird der Film heißen?“
Sonja:
„Ich schlage mit dem Bauern auf c3. Der Film wird „Checkmate!“ heißen.“
Michael:
„Moment, jetzt zeige ich dir einen Trick. Ein Damenopfer mache ich jetzt. Ich schlage mit ihr auf f3. Und warum spielst du nicht mit?“
Sonja(fassungslos):
„Was...was...machst du denn? Die Dame kann ich doch mit dem Bauern...Bauern...schlagen...dann machst du aber Schach mit dem Läufer auf h3...“
Michael:
„Warum spielst du in dem Film nicht mit?“
Sonja:
„Weil ich jetzt in nächster Zeit lieber Schach spielen will. Ahh, ja, ich sehe es. Wenn ich mit dem König auf g1 gehe, dann rauscht du runter mit deinem Turm auf e1, dann gehe ich mit dem Läufer...“