In der Volkshochschule in Berlin. Dort findet jede Woche ein Kreativitäts-Kurs statt. Leiten tut es Julia Cameron.
Cameron:
„Einen guten Tag wünsche ich euch, wie ihr wißt sind wir in der elften Woche, 12 Wochen umfaßt der Kurs. Was habt ihr in dieser Zeit bei euch feststellen können ?“
Herr Schmidt:
„Ich bin kreativer geworden.“
Frau Weidenfeller:
„Ich auch, ich schreibe schöne Gedichte.“
Herr Lohse:
„Und ich treffe mich nicht mehr mit meinen Freunden, die haben mich immer ausgebuht, wenn ich probiert habe witzig und kreativ zu sein. Heute ist es übrigens genau so schön wie nach 12 Jahren, hihi.“
Frau Meyer:
„Schreiben tue ich jetzt gerne. Und zwar Texte mit einer versteckten Pointe.“
Cameron:
„Habt ihr in der Zeit auch schön eure Seiten am morgen geschrieben ?“
Schmidt:
„Dadurch bin ich kreativ geworden.“
Meyer:
„Auja, die habe ich jetzt seit 11 Wochen geschrieben. Ich habe diese Morgenseiten dem Fischer Verlag geschickt, ich warte noch auf eine Antwort von denen.“
Cameron:
„Ich sagte es euch schon letzte Woche, die Morgenseiten sind nicht dazu da um veröffentlicht zu werden. Sie helfen euch den Gedankenstrom fließen zu lassen. Es ist eine Art Gehirnentleerung.“
Meyer:
„Soll ich Ihnen eine Passage aus meinen heutigen Morgenseiten vorlesen ? Einen Moment. (sie wühlt in ihrer Tasche)“
Lohse:
„Darf ich Ihnen einen Witz verraten ?“
Cameron:
„Ja, bitte, tun Sie sich keinen Zwang an.“
Lohse:
„Die Schildkröte kriecht auf den Rücken eines Kamels und findet an seinem Höcker einen LCD-Bildschirm. Sie schaut die Kamelolympiade aus der Wüste in Mauretanien. Ein fliegendes Krokodil schnappt nach der Schildkröte und verspeist sie zusammen mit dem Kamel. Hihi, fanden Sie es witzig ?“
Cameron:
„Ja, sehr witzig, Herr Lohse.“
Meyer:
„So, ich habe die Morgenseiten gefunden. Ich lese mal kurz was vor : ‚Was soll ich nur schreiben, was hat das Leben für einen Sinn ? Warum fällt mir nichts ein ? Doch, da, das Bild an der Wand, es hängt schief, wie mein Leben, es fällt irgendwann herunter. Ich hänge es schnell an die Wand, warte. Ich gehe erst mal einen Kaffe trinken, einen Moment.‘“
Weidenfeller:
„So was schicken Sie einem Verlag ? Kein Wunder, daß das nicht veröffentlicht wird, das ist doch total langweilig und unkreativ. Da sind meine Gedichte schon viel besser. Ich trage eins mal vor :
Der Regenbogen schillert silbergrün,
der Vorhang fällt und der Wicht steht auf der Bühn´
die hellblaue Posaune fängt an zu tönen,
nur die Harfe will heute nicht dröhnen.
Der Einkaufszettel aus der Vase,
er tropft Schweiß aus der Nase...“
Cameron(untrebricht):
„Ja, danke, Frau Weidenfeller. Haben Sie etwas bei sich entdeckt, Herr Schmidt ?“
Schmidt:
„Ich bin kreativ geworden.“
Cameron:
„Wie merken Sie das ?“
Schmidt:
„Ich merke von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, daß ich kreativer werde.“
Lohse:
„Darf ich Ihnen noch einen Witz erzählen ? Habe ich mir gerade ausgedacht.“
Cameron:
„Nein, wir wollen heute über...“
Lohse(unterbricht):
„Bitte, bitte. Nur einen kleinen Witz.“
Cameron(genervt):
„Na gut, bitte.“
Lohse:
„Geht ein grünes Ampelmänchen in einen Supermarkt und kauft dort Gummibärchen. An der Kasse fällt ihm auf, daß es kein Geld dabei hat. Die Libelle fliegt über seinen Kopf und hinterläßt eine Botschaft : Iß nur rote Gummibärchen, dann verwandelst du dich in ein rotes Ampelmännchen. Daraufhin kommt eine Peperoni aus einer Pizzapackung herausgekrochen und fragt, ob heute Freitag ist. Hihi, fanden Sie es witzig, Frau Cameron ?“
Cameron:
„Ja, sehr, danke. So, wir wollen uns heute mit dem Thema Synchronizität beschäftigen. Wissen alle was da ist ?“
Schmidt:
„Das ist etwas wenn man kreativ ist.“
Cameron:
„Ne.“
Weidenfeller:
„Oh, da draußen ist eine Libelle, darf ich das Fenster öffnen ?“
Cameron:
„GENAU, da haben wir ein sehr gutes Beispiel für Synchronizität. Herr Lohse hat in seinem Witz etwas über eine Libelle erzählt, wie der eine oder andere noch weiß und nur etwas später erscheint eine Libelle an unserem Fenster. Sind Ihnen auch solche Zufälle in den letzten Wochen passiert ?“
Lohse:
„Ich habe letzte Woche ein Erdinger-Weizenbier getrunken und in der selben Woche ist Bayern München im Fußball Deutscher Meister geworden.“
Cameron:
„Ich dachte da eher an einen Zufall der mit Ihrem Leben zu tun hat.“
Meyer:
„Als ich letztens die Morgenseiten geschrieben habe, da lief zufälligerweise im Fernsehen eine Frühstücksendung mit dem Namen „Guten Morgen !““
Cameron:
„Naja, das ist so ähnlich wie wenn ich auf meine Armbanduhr schaue und dann zum Beispiel Herrn Schmidt frage wie spät es auf seiner Uhr ist. Das ist ein ziemlich gewöhnlicher Zufall. Ist sonst jemandem eine Synchronizität begegnet ?“
Weidenfeller:
„Ich könnte ja mal ein Gedicht über ‚Den Zufall‘ schreiben.
Die Zufälle prasseln auf uns hernieder,
sie singen für uns grelle laute Lieder,
die Heuschrecke springt auf unseren Schopf,
wir waschen mit Persil unseren grünen Kopf,
wir...“
Cameron (unterbricht):
„Also niemand ? Gab es in der letzten Woche irgendwelche Themen oder Ereignisse, die sie als bedeutsam für die Aktivierung ihrer Kreativität ansehen ?“
Schmidt:
„Ich werde von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag kreativer.“
Cameron:
„Und wie merken Sie das, Herr Schmidt ?“
Schmidt:
„Ich spüre es, ganz einfach. Ich habe mit ein T-Shirt machen lassen, wo drauf steht : ‚Ich bin kreativ‘. Wenn ich es trage und in der U-Bahn sitze, dann schauen mich die Leute ganz ehrfürchtig an, ich spüre regelrecht wie die Leute mich respektvoll betrachten.“
Meyer:
„Moment, ich habe meine Morgenseiten von gestern noch in meiner Handtasche, da geht es auch um die Anerkennung meiner Kreativität. Ich hole die mal raus.“
Lohse:
„Ich habe da noch einen Witz : Die grünen Bohnen verlangen in eine Dose reingepackt zu werden, die kreativer und künstlerischer gestaltet ist als es die ihre ist. Sie verbünden sich mit den roten Bohnen aus Texas, diese wollen wenigstens ein kleines Sternenbanner auf ihrer Dose haben. Zusammen mit den Maiskörner erheben sie sich und protestieren. Sie versprechen, wenn die Dosen nicht geändert werden, daß sie dann ganz ungenießbar schmecken werden. Es bleibt den Menschen also nichts anderes übrig, als...“
Cameron (unterbricht):
„Sie, Herr Lohse, Sie blühen ja heute mal wieder richtig auf. Hat Sie schon jemand aus Ihrem Freundeskreis gelobt ? Aber Sie sagten ja, daß sie sich nicht mehr mit Ihren Freunden treffen.“
Lohse:
„Naja, das sind blöde Freunde, die haben mich nie gelobt. Sie sind zwar sehr kreativ, sie können zum Beispiel spontan dichten, und das dann auch noch mit Pointe, aber mir bringt das nichts.“
Cameron:
„Wie ist es auf Ihrer Arbeit, erzählen Sie da auch Witze ?“
Lohse:
„In meiner Werkstatt meinen Sie ? Ja, natürlich, am laufenden Bande. Aber da lobt mich auch keiner, ich habe das Gefühl, das sie das nervt was ich erzähle. Mir macht das aber nichts aus, ich erzähle einfach drauflos. Zum Beispiel über das Fohlen, welches auch Sägespänen besteht und mit einer Raspel seinen Schliff bekommt ! Soll ich Ihnen die Geschichte des Fohlens erzählen ?“
Meyer:
„So, ich habe die Morgenseite gefunden. Ich lese mal vor : ‚Ich bin kreativer geworden. Das merke ich auch wenn ich meine Morgenseiten schreibe. Das Wetter ist schön. Die Tür neben mir ist weiß und lackiert. DA klopft es an die Tür : Es ist mein Schatz, mein Liebling. Er kommt von der Arbeit und fragt mich wie es mir geht. ‚Sehr gut, Stefan‘ sage ich ihm. ‚Bin ich heute wieder phantasievoll ?‘ frage ich meinen Schatz. Und er sagt :‘JA, das bist du, meine Mohnblume.‘“
Cameron:
„Sie haben es also über Ihren Lebenspartner erfahren, er hat sie gelobt. Und Sie Frau Weidenfeller ?“
Weidenfeller:
„Ich zeige sie immer meiner besten Freundin. Sie findet die ganz gut. Ich würde gerne mal auf einen ‚Poetry Slam‘ gehen, aber da traue ich mich noch nicht.
Die Angst vor dem Versagen und dem Verlieren ist groß,
ich stehe im Rampenlicht und habe im Hals einen Klos.
Was soll ich erzählen was ihr noch nicht von mir wißt ?
Es ist was wenn man feststellt, daß man letzter geworden ist.“
Cameron:
„Haben Sie gerade eben das gedichtet ? Sehr toll, sie machen Fortschritte, Frau Weidenfeller.“
Weidenfeller(gücklich):
„Danke, danke, das war doch nur so ein klitzekleines Gedichtchen.“
Meyer:
„Ich lese weiter aus meinen Morgenseiten vor : ‚Ich frage meinen Schatz, wie wir heißen wollen wenn wir geheiratet haben. Soll ich weiterhin Meyer heißen, oder soll ich seinen Nachnamen annehmen. Soll ich Frau Spiegel heißen ? Ich könnte auch Frau Mayer-Spiegel heißen, denn...“
Cameron(unterbricht):
„WAS ? Ist ihr Freund...ist ihr Freund...“
Meyer:
„MEIN Verlobter, er ist nicht einfach nur mein Freund.“
Cameron:
„Ihr Verlobter ist doch nicht...doch nicht etwa der Schauspieler Stefan Spiegel ?“
Meyer:
„Ja, das ist er, ganz genau. Damit er mehr von mir hat, will ich kreativer sein, klug und lustig will ich werden, das ist er ja schließlich auch.“
Cameron:
„DAS ist ja ein Zufall. Ich kenne einige Filme, nein, ich kenne ALLE seine Filme. Ich bin ein Fan von ihm.“
Schmidt:
„Ist er denn auch kreativ ?“
Weidenfeller:
„Kann ich noch ein Gedicht aufsagen ? Eins über den Maikäfer ?“
Cameron:
„Nein, jetzt bitte nicht. Ich habe mich auch manchmal gefragt, wer seine Lebenspartnerin ist, er verrät das in seinen Interviews ja nicht.“
Meyer:
„Ja, er will nicht, das wir auf Tritt und Schritt von der Presse beobachtet werden. Wenn wir unterwegs sind, dann halten wir unsere Hände nicht, das ist manchmal schon schade .Aber zu Hause bei romantischer Gitarrenmusik und Kerzenlicht, wenn wir einen lieblichen französischen Rotwein genießen und wir uns streicheln und Blues tanzen, ach, es gibt nicht schöneres.“
Cameron:
„Da haben Sie es aber wirklich gut. Ich dachte er ist mit Franka Potente zusammen.“
Meyer:
„Ne, das ist nur ein Gerücht. Nur weil die beiden in seinem letzten Film ein paar Liebesszenen hatten heißt das noch lange nicht, daß die was zusammen haben.“
Cameron:
„Und warum ist er gerade mit Ihnen zusammen ?“
Meyer:
„Er hat mich mal in der U-Bahn angesprochen, er meinte ich gefalle ihm und ob wir nicht zusammen einen Kaffee trinken wollen.“
Cameron:
„Da haben Sie aber viel Glück gehabt. Ist es nur ihr Aussehen, was ihm gefällt ?“
Meyer:
„Nein, er meint so schön küssen wie ich kann keiner, nicht mal Franka Potente.“
Cameron(ärgerlich):
„So schön küssen, also wirklich, ich dachte er hat größere Ansprüche.“
Weidenfeller:
„Ich habe auch ein Liebesgedicht :
Der Winter ist so kalt und gesanglos ohne dich,
ich verkümmere in meiner eisig frostigen Stube.
Lieber Mann, lasse mich nicht alleine nicht im Stich,
die blühende Welt der Poesie ist unsere Grube.“
Lohse:
„Küßt ein Kamel eine Libelle, doch es verschluckt dabei die Libelle weil sie so klein ist. Die Marlboroschachtel verwandelt sich in ein Doppeldecker und fliegt dem Kamel auf den Kopf. Es verwandelt sich in ein großes Harley-Davidson-Motorrad und das Kamel düst damit weg. Die Libelle schlüpft aus seiner Nase und...“
Schmidt:
„Ich bin so kreativ geworden wie noch nie.“
Meyer:
„Soll ich noch was aus meinen Morgenseiten vorlesen ?“
Cameron:
„Nein, diese Seiten sind nicht dazu gedacht sie anderen vorzulesen oder sie irgendeinem Verlag zu schicken. Ich bin enttäuscht von Stefan Spiegel, ich dachte er wäre mit einer Künstlerin zusammen. Und dann sowas.“
Meyer:
„Ich bin eine Künstlerin, oder jedenfalls eine die in Begriff ist eine zu werden. Ich lese mal weiter :‘ Der blaue Müllsack in der Ecke quillt schon fast über, da sind meine Jacken und Wintersachen. Ob ich die mal aussortieren sollte ? Da sind bestimmt auch Sachen von meinem Schatz, meinem Glücksritter, meinem süßen Stefan, meinem hübschen und schönem...“
Cameron(unterbricht):
„Schluß damit, ich kann es nicht mehr hören ! Die Morgenseiten sind nicht zum Vorlesen gedacht, das ist fürchterlich langweilig was Sie da schreiben, es ist grauenvoll ! Mit so einer langweiligen Frau ist der Stefan zusammen, das fasse ich nicht !“
Meyer:
„Aber wenn das fürchterlich langweilig ist, warum soll ich diese Morgenseiten schreiben ?“
Schmidt:
„Um kreativer zu werden.“
Lohse:
„Ich schreibe in meinen Morgenseiten immer Witze rein. Kennen Sie schon den mit dem Locher und dem Kugelschreiber ?“
Weidenfeller:
„Ich zeige niemandem die Morgenseiten, noch nicht mal ich lese die mir noch mal durch.“
Cameron:
„Ich habe immer Stefan Spiegel bewundert, er spielt gut, sieht gut aus und macht tolle Interviews. Er ist ein kluger, lustiger, eloquenter und schöner Mann. Und dann ist er mit so einer langweiligen Frau zusammen, also ehrlich !“
Das Handy von Frau Meyer klingelt.
Meyer:
„Hallo, hier Kathi Meyer ? Ach du bist es Schatz. Was hast du ? Meine Morgenseiten von vorgestern hast du gelesen ? Danke, für das Lob, danke. Wann ich wiederkomme ? Ich bin in einer Stunde zu Hause. Gekocht hast du ? Überbackene Chicorée, wie lecker, das...“
Lohse:
„Habe ich Ihnen schon den Witz mit der Scheibe Schinken, dem Käse und der Chicorée erzählt ? Verirrt sich eine Chicorée in einem Backofen, der aus ist. Da es so kalt da ist, zieht sich die Chicoree ihren Mantel aus Schinken und einen Schal aus Käse an. Plötzlich springt die Gurke aus der Schale und macht den Ofen an. Die Nagelschere und die Zahnbürste tanzen Tango und...“
Schmidt:
„Ich bin heute wieder kreativer geworden.“
Weidenfeller:
„Ich habe noch ein Gedicht auf Lager :
Die Glocken klingen wie sie läuten,
die gelbe Zwiebel wollen wir enthäuten,
Das Essen wartet im Vogelkäfig auf dich,
die Tiere singen, bellen und sind traurig.“
Cameron:
„Also gut, wir beenden heute unsere Sitzung, wir machen heute früher Schluß. Vergessen Sie nicht Ihre Übungen und Ihre Morgenseiten weiter zu schreiben, es ist wie gesagt eine Gehirnentleerung, völlig langweilig und unnütz sie anderen zu zeigen oder sie sogar noch irgendwohin zu schicken, wie kann man nur ? Also, bis in einer Woche, tschüß !“