Im Büro von „Lebendige Hausformen“. Herr Krause sitzt an seinem Schreibtisch und schreibt. Da klopft es an der Tür.
Herr Krause:
„Herein bitte.“
Frau:
„Darf ich herein kommen, mein Name ist Frau Steck, ich habe einen Termin heute bei Ihnen.“
Krause:
„Kommen Sie doch rein und setzen Sie sich.“
Frau Steck betritt den Raum und setzt sich hin.
Steck:
„Ich wollte noch mal wissen, was Sie genau für Wohnungen anbieten.“
Krause:
„Wir bieten alle möglichen Wohnungsformen an, ob Palast, Tempel, Wohnhaus oder Gartenlaube, alle haben sie eins gemeinsam : diese Gebäude leben.“
Steck(verwundert):
„Die leben ? Das hängt doch von den Mietern ab, daß hat doch...“
Krause(unterbricht):
„Nein, die Gebäude leben, auch ohne Mieter. Die Gebäude sind wie Lebewesen, sie bestehen aus Enzymen und lebendigen Zellen. Sie können sich sogar fortpflanzen, aus den Körperzellen des lebendigen Hauses entwickeln sich durch Zellteilung neue Individuen. So wachsen unsere Gebäude und es können neue Mieter einziehen.“
Steck(neugierig):
„Häuser, die wachsen und sich vermehren ? Das kann ich Ihnen nicht ganz glauben. Wie funktioniert das denn ?“
Krause:
„Das ist nicht so einfach zu erklären. Die Zentrosomen einer Zygote der Grünkornbuche lassen sich kreuzen mit den Früchten eines Schnabeltieres .Die daraus gewonnene eiweißhaltige Masse wird vermengt mit einer Triplette einer weißen Lederhaut, und sie beginnt zu keimen. Dann nehmen wir noch die Leber eines Froschlurches und vermischen es mit der gewonnenen proteinhaltigen Substanz. Dann wenden wir peripher...“
Steck(unterbricht):
„Ohh, ne, das ist mir viel zu wissenschaftlich. Können Sie mir das nicht auch ohne Fachchinesisch erklären ?“
Krause:
„Wir züchten mit den modernsten Mitteln Bäume, die für Menschen Wohnräume bieten. Wir bringen sie dazu so zu wachsen, daß sie bewohnbar sind.“
Steck:
„Und gibt es da Strom ?“
Krause:
„Natürlich lassen sich Stromkabel im Baumhaus legen. Wasserleitungen und Heizkörper ebenfalls.“
Steck:
„Aha.“
Krause(begeistert):
„Würden Sie gerne in unserem „Palast von Knossos“ wohnen ? An den Ästen sind Bilder aus der minoischen Zeit geritzt und neben diesem Baumpalast ist ein großes Schwimmbecken. Neben Bankettsaal und Kulträumen gibt es da Werkstätten und eine königliche Wohnung. Hätten Sie Interesse ?“
Steck(Hand vor dem Mund):
„Ohh, das ist bestimmt unbezahlbar. Aber sehen würde ich gerne einige ihrer Baumwohnungen.“
Herr Krause holt ein paar Fotos aus einer Schublade und zeigt sie Frau Steck.
Steck:
„Das sind ja ganz schöne Bäume oder soll ich lieber Bauten sagen ? (sie zeigt auf ein Foto) Das ist schön, es ist auch nicht zu groß.“
Krause:
„Das ist unser ‚blauer Eisenhut‘. Das ist ein 5 Meter hoher Baum mit prima Lage zum See. Er hat ein Wohnzimmer, eine Schlafnische und eine kleine Küche. Und er hat eine Eigenart, die nur er hat.“
Steck:
„Und die wäre ?“
Krause:
„Der ‚blaue Eisenhut‘ führt die ganze Zeit Selbstgespräche. Wenn man in der Baumwohnung ist, dann hört man die ganze Zeit ein Geflüster.“
Steck(verwundert):
„Was spricht der Baum den für Sachen ?“
Krause:
„Wenn man nicht so richtig hinhört, so hört sich das wie das Rascheln von Blättern im Winde an. Hört man aber genau hin, so merkt man, daß der Baum die ganze Zeit eine Geschichte erzählt.“
Steck:
„Was für eine Geschichte denn ?“
Krause(lächelt):
„Lassen Sie sich doch überraschen, es ist hochinteressant. Finden Sie es selber raus was er erzählt“
Frau Steck schaut sich die anderen Fotos an und zeigt auf eines.
Steck:
„Und was ist mit diesem Baum ?“
Krause:
„Das ist unsere Pilzwohnung. Die Wand des Pilzes besteht aus Chitin. Man braucht kein Bett für diese Einrichtung, der Boden ist weich und man kann auf dem Boden schlafen. Aber auch dieses Pilzhaus hat ein Eigenleben.“
Steck:
„Erzählt der auch Geschichten ?“
Krause:
„Nein, er ist musikalisch. Haben Sie eine Musikanlage ?“
Steck:
„Ja, kann der Pilz Musik hören ?“
Krause(begeistert):
„Ohhja, wenn ihm die Musik gefällt, dann wackeln die Wände und der Boden ganz leicht. Gefällt ihm die Musik nicht, so ruckelt er ganz heftig und man verliert in der Pilzwohnung das Gleichgewicht.“
Steck:
„Was hört er denn gerne für Musik ?“
Krause(lächelt):
„Ziehen Sie doch in den Pilz und finden es selber raus. Es gibt bei uns Pilze die gerne Klassik hören, andere hören lieber Jazz und dann gibt es auch noch die Rock-Liebhaber.“
Frau Steck nimmt ein anderes Foto.
Steck:
„Und das hier ? Der sieht aus wie ein Drache mit den Schuppen am Stamm.“
Krause:
„Das ist ein Meisterwerk der organischen Architektur. Seine große Baumkrone bietet Platz für eine Großfamilie. Man muß nur auf eines achten. An seinen Ästen wachsen Äpfel, die man aber nicht essen darf. Dieser Baum denkt, daß er der Baum des Lebens aus der Bibel ist.“
Steck:
„Was würde denn passieren wenn man einen Apfel pflücken würde ?“
Krause(bedenklich):
„Ohhje, wenn Sie das machen würden, dann würde der Baum ausrasten. Und dann sind Sie noch eine Frau, er würde denken Sie sind Eva. Das letzte mal als jemand einen seiner Äpfel gepflügt hat, hat er Feuer gespeit und ist verbrannt. Wir haben jetzt nur noch vier Stück von seiner Sorte.“
Steck:
„Ach ne, den nehme ich lieber nicht.“
Krause:
„Suchen Sie alleine eine Wohnung oder haben Sie eine Familie ?“
Steck:
„Ich habe einen Mann und einen 12-jährigen Sohn.“
Krause:
„Sind die beiden für Fußball zu begeistern ?“
Steck:
„Ohhja, das sind sie.“
Krause(begeistert):
„Wie wäre es mit unserem Sport-Baum ? Die Blätter dieses Baumes rauschen wie das Publikum im Stadion, man hat das Gefühl man sitzt mittendrin. Bei einem Tor rauschen die Blätter ganz laut und machen Laola-Wellen, ist das Spiel langweilig so hört man Pfiffe und Buhrufe.“
Steck:
„Ne, lieber nicht. Meine beiden schauen so schon genug Fußball, die würde ich gar nicht mehr wegbekommen. Gibt es auch Mehrfamilien-Bäume ?"
Krause:
„Ja, da haben wir zum Beispiel „den Thron der Welt“, er sprengt alle vergleichbaren Dimensionen. Er hat einen Hof und einen Festsaal .Er hat vier Stockwerke, pro Etage könne da vier Familien wohnen. An den Wänden sind Hieroglyphen aus dem alten Ägypten und oben auf dem Baum ist eine Amun-Statue aus Holz. Offene und geschlossene Räume sind in riesenhaften Ausmaßen dort vorhanden. Neben diesem Baumgebäude ist ein Heiliger See und zwei Obelisken, die mit einer Sphinxallee verbunden sind.“
Steck:
„Wie teuer ist denn die Miete in diesem Baumhaus ?“
Krause:
„6.8000 € pro Monat inklusive Nebenkosten.“
Steck:
„Puuh, ne, das ist zu teuer !“
Krause:
„Dann nehmen Sie doch „den blauen Eisenhut“, der kostet nur 4.200. €“
Steck:
„Das ist ja alles so teuer. Was ist denn ihr billigstes Baumhaus ?“
Krause:
„Das ist unser Poetenbaum. Der kostet 800 € warm.“
Steck:
„Wie groß ist der ?“
Herr Krause holt ein Photo und zeigt es Frau Steck.
Steck:
„Der sieht doch ganz nett aus, da kann ich mit meiner Familie gut leben. Gibt es bei diesem Baum ein Haken ?“
Krause:
„Ja, den gibt es. Auf seinen Blättern stehen Gedichte drauf. Der Baum hat die selber verfaßt und als Bewohner muß man die auswendig lernen und aufsagen. Alle zwei Tage ein neues Gedicht.“
Steck:
„Und wenn man die nicht auswendig lernt ?“
Krause:
„Dann schmeißt Euch der Baum aus der Wohnung, er dreht und schüttelt sich bis man runterfällt.“
Steck:
„Wie kann den der Baum das merken ob man das Gedicht aufsagt oder abliest ?“
Krause:
„Naja, es ist riskant das auszuprobieren, das haben schon einige Bewohner versucht. Der Baum spürt das irgendwie, wie das wissen wir auch nicht. Wir vermuten, daß er über seine dreikantigen Früchte, den Bucheckern, etwas sehen kann.“
Steck:
„Können Sie mir ein Gedicht von ihm zeigen ?“
Krause:
„Die Gedichte sind schlecht, der Poetenbaum ist sehr untalentiert. Das darf man ihm aber nicht sagen. Ich kann Ihnen eins mal vortragen : (holt Zettel aus einer Schublade)
Wir gehen heute ins rosagrüne Bett,
ißt du gerne ein Brot mit halbmagarine-Fett ?
Du bist eine Wunderschöne Rose aus dem Topf,
ich bin ein Denker und mache an meinem Stamm klopf klopf !“
Steck:
„Naja, reimen tut es sich ja. Geht das Gedicht noch weiter ?“
Krause:
„Ja:
Jetzt habe ich eine außergewöhnliche Idee erdacht,
die Pflaumen vom Apfelbaum leuchten neon in der Nacht,
der Fuchs und der Strolch essen Sterne mit Zimt und Gurke,
ich weiß du begehrst mich, denn ich bin der Regenbogen-Schurke !“
Steck:
„Ich finde das Gedicht ganz gut. Könnte ich dieses Baumhaus haben ?“
Herr Krause holt einen Mietvertrag und gibt ihn Frau Steck.
Krause(besorgt):
„Wollen Sie sich das nicht noch mal überlegen ? Ich habe da noch den Regenbogenbaum, der kostet nur 1.300 € monatlich. Wenn man schöne Lieder singt, dann leuchtet seine Rinde in vielen bunten Farben und..“
Steck(unterbricht):
„Nein, ich will den Poetenbaum. Der tut mir leid, er dichtet schöne Gedichte und keiner mag die. Mein Mann und mein Sohn werden viel Spaß mit ihm haben.“
Frau Steck unterschreibt den Mietvertrag.
Krause:
„Na gut, die Adresse haben Sie ja. Wenn was sein sollte so können Sie mich jederzeit anrufen.“
Steck:
„Danke, gibt es noch was was ich wissen sollte ?“
Krause:
„Bei jedem neuen Gedicht sollten Sie den Baum loben egal ob es Ihnen gefällt oder nicht. Er ist da sehr empfindlich.“
Steck:
„Okay, danke für alles .Auf Wiedersehen.“
Frau Steck verläßt den Raum. Herr Krause sitzt noch eine Weile nachdenklich da und überlegt. Dann arbeitet er an seinen Unterlagen weiter. Bis auf einmal das Telefon klingelt.
Krause:
„Ja ? Hier Krause.“
Frau Krause:
„Hallo ich bins, Schatz, ich wollte fragen wann du heute nach hause kommst.“
Herr Krause:
„In einer Stunde gehe ich los.“
Frau Krause:
„Wie war dein Tag heute ?“
Herr Krause(genervt):
„Naja, wie immer. Es hat wieder einer einen Mietvertrag für den Poetenbaum unterschrieben.“
Frau Krause:
„Schon wieder ? Der letzte Mieter dieses Baumhauses ist doch erst vorgestern ausgezogen.“
Herr Krause(ärgerlich):
„Vielleicht sollten wir den Poetenbaum aus unserem Angebot nehmen. Er ist einfach nicht bewohnbar. Egal was der Mieter macht, der Baum ist immer eingeschnappt und beleidigt. Und wenn man ihn viel lobt, dann dichtet er euphorisch ein Gedicht nach dem anderen, manchmal 5 oder 6 Stück an einem Tag, die man alle auswendig lernen muß. Wenn man das nicht tut, dann nimmt er einem das sehr übel.“
Frau Krause:
„Und was ist wenn der Mieter selber dichtet ? Lernt der Baum diese Gedichte dann ?“
Herr Streck:
„Das hatten wir auch schon mal. Da ist es dann zu einem Gedichtewettbewerb zwischen dem Poetenbaum und dem Mieter gekommen, jeder war am Ende der Meinung der besseren Poet zu sein.“
Frau Krause:
„Naja, wenn man das ganz geschickt macht und den Baum oft lobt und gleichzeitig gute Gedichte verfaßt, vielleicht geht das.“
Herr Krause:
„(lacht kurz) Vielleicht klappt es ja, das würde mich auch freuen wenn mal einer länger als drei Wochen da wohnen würde.(kurze Pause) Also gut, ich gehe in einer Stunde hier los, bis dann “
Herr Krause legt auf.